Coming- Out (Teil 2)

Meinen Eltern davon zu erzählen war mit Abstand das komischste Gefühl. Auf der einen Seite kenne sie mich wie kein anderer mich kennt. Auf der anderen Seite habe ich ihnen das Wohl wichtigste in meinem kurzen Leben Jahre lang verheimlicht. Eine sehr ungewohnte Situation, da zu sitzen und nicht zu wissen wie dieses Gespräch enden wird.
Ich bin kein Mensch der gern mit seinen Problemen oder Sorgen zu anderen geht, hab ich noch nie gern gemacht. Ich war stets mein bester Psychologe. Ein Fehler wie ich mittlerweile weiß. Alles alleine auszumachen bringt einen nicht immer weiter. Irgendwann kommt der Punkt an dem man sich selbst belügt. Wie oft hab ich versucht eine Rolle zu spielen, Frauen- Kleider angezogen, hohe Schuhe und Röcke. Verkleidet zu sein wird irgendwann zur Gewohnheit. Kleider einkaufen, eine Qual. Kann ich ja nicht da suchen wo ich möchte.
Nicht auffallen, unentdeckt bleiben. Alles abstreiten. Schauspielern. Lügen. Sich selbst belügen, die eigenen Freunde, die eigene Familie.
Es gab Tage, da hätte ich mich lieber selbst umgebracht als nur noch einen Tag zu leben. Wenn man soweit am Boden ist, sieht man das Licht am Ende des Tunnels nicht mehr. Aber auch diese gingen irgendwie vorbei. Zum Glück! Man muss nach Vorne schauen, sich selbst motivieren zu kämpfen.
Da saß ich also, mit meiner Schwester und meiner Freundin. Auf der Couch vor meiner Mutter. Mein Vater war auf Reise an diesem Wochenende. Es schien mir aber der perfekte Zeitpunkt zu sein mit meiner Mutter darüber zu reden. Ich fing also an zu erzählen und erzählen. Meine Mutter meinte dann nur cool : " Ja, klar das bekommen wir hin". Entspannt, dachte ich. Diese Coolness war dann aber, nachdem ich erstmal eine rauchen musste schon wieder vorbei. In Tränen saß sie vor mir, hat sich 1000 x entschuldigt. Sich Vorwürfe gemacht.
In diesem Sinne, an alle Eltern, Freunde, Geschwister, Verwandte. Macht euch keine Vorwürfe! Ich zumindest, wollte nie das es einer merkt. Wenn man sich selbst nicht sicher ist was mit einem los ist, will man erst Recht nicht, dass sich andere darum kümmern. Auf der einen Seite schon, aber irgendwie auch nicht. Ihr könnt sowas nicht merken, wenn ein Mensch weiß was los ist, wird er was sagen. Früher oder später wird die Zeit kommen. Aber quält euch nicht damit. Nach dem Outing geht es Bergauf. Egal wie! Ab Jetzt weiß man, dass man Hilfe bekommt!
Nun wusste es also auch meine Mutter. Mit meinem Vater hab ich einige Tage später nochmal geredet.
Sie stehen alle hinter mir! Der erste große Schritt ist getan. Ich hab mich den Menschen die mich Tag täglich sehen anvertraut. Das alles war im November 2013.
Die ersten Tage danach waren für alle komisch. Keiner wusste so recht wie man mich behandeln soll, wie man mich anspricht, wie man sich verhält. Mit der Zeit kam die Gewohnheit und die ungewöhnlichen Situationen wurden immer weniger. Ich führte ab jetzt ein Doppel- Leben! Keiner, außer diesen vier Menschen wussten von meinen Sorgen. Für alle andere war ich wie immer. Ich war zu der Zeit gerade kurz vor meinen Abschlussprüfungen und hatte sowieso viel um die Ohren. Mir wurde schnell alles zu viel und ich hab wie so oft wieder an mir selbst gezweifelt. Der Druck mit den Prüfungen, mein Doppel- Leben, meine Freunde weiterhin zu belügen. Ich brauchte Hilfe, schnellst möglich. Doch das stellte sich schwieriger heraus als ich anfangs dachte..

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